Musiktheater im Revier

„Dieses Haus ist ein Juwel“

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Bild oben: Frank Hilbrich in der Rotunde des Musiktheaters.
  • 28.08.2026
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Frank Hilbrich ist neuer Generalintendant am Musiktheater im Revier. Im ELEmente-Gespräch zeigt er sich begeistert von seiner neuen Wirkungsstätte – und ist neugierig auf Schalke 04.

Herr Hilbrich, bis zum Sommer waren Sie Leitender Regisseur und künstlerischer Leiter im Musiktheater Bremen. Jetzt geht es für Sie von der norddeutschen Tiefebene in die Metropole Ruhr. Was reizt Sie an unserer Region?

Zunächst einmal die Tatsache, dass man hier mitten im Ruhrgebiet arbeitet, im Zentrum vieler spannender Städte mit ganz unterschiedlichen Prägungen. Und dann natürlich das Haus: Man sagt, das Musiktheater im Revier sei das schönste Opernhaus des Reviers. Für mich ist es eines der schönsten Opernhäuser überhaupt. Dieses Haus ist ein Juwel, nicht nur außergewöhnlich schön, sondern auch von Kunst regelrecht durchdrungen. Ein kreativer Energieort durch und durch. Und mich beschäftigt die Frage, welche Rolle ein Musiktheater für eine Stadt übernehmen kann. Ich möchte, dass es ein Ort ist, der Menschen zusammenführt. Ein Ort, der dazu beiträgt, dass sich eine Stadtgesellschaft als Gemeinschaft erlebt.

Das ist ein hoher Anspruch.

Natürlich. Man wird dieses Ziel nie vollständig erreichen. Aber wenn man es gar nicht erst verfolgt, wird sich auch nichts verändern. Wenn wir Schritt für Schritt etwas dazu beitragen können, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich als Teil derselben Stadt verstehen, dann haben wir bereits viel erreicht.

Vielen Menschen fällt der Zugang zum Musiktheater heute schwer. Es erscheint ihnen kompliziert, elitär. Wie lässt sich das ändern?

Da muss man ein sehr dickes Brett bohren. Und ich möchte auch davor warnen, Wunder zu erwarten. Aber ich denke, wir können etwas darüber erreichen, wie wir unsere Stoffe erzählen. Die Menschen müssen spüren, warum sie diese Werke heute etwas angehen. Und wir müssen aktiv auf Menschen zugehen und das Haus weit öffnen. Gerade der Tanz als nonverbale Kunstform zum Beispiel kann vielleicht Menschen ansprechen, die bisher kaum den Weg ins Musiktheater gefunden haben. Wichtig ist mir allerdings: Wir wollen niemanden verlieren. Unser Ziel ist nicht, ein Publikum gegen ein anderes auszutauschen. Wir möchten vielmehr, dass sich die ganze Breite der Stadtgesellschaft hier wiederfindet.

Das kann sicher über Stücke wie den „Räuber Hotzenplotz“ gelingen, den Sie für die kommende Spielzeit im Programm haben.

Absolut. Familienopern und Kinderproduktionen gehören ins Zentrum unseres Programms. „Räuber Hotzenplotz“ steht ganz bewusst auf der großen Bühne. Das ist kein pädagogisches Anhängsel, sondern ein wesentlicher Bestandteil unseres künstlerischen Selbstverständnisses. Gleichzeitig beschäftigen sich viele Produktionen der kommenden Spielzeit mit politischen und gesellschaftlichen Fragen, die uns alle unmittelbar betreffen.

Haben Sie Ihre ersten Spielzeit in Gelsenkirchen unter ein Motto, eine Leitidee gestellt?

Tatsächlich haben wir darüber nachgedacht. Am Ende haben wir uns aber bewusst dagegen entschieden. So ein Motto wirkt oft etwas konstruiert. Trotzdem gibt es Themen, die sich beinahe zwangsläufig durch viele Produktionen ziehen. Eine Frage beschäftigt uns besonders: Wie politisch müssen wir heute leben? Vor zwanzig Jahren konnte man vielleicht noch sagen: „Politik interessiert mich nicht.“ Heute funktioniert das kaum noch. Wir erleben eine Zeit, in der politische Entwicklungen unmittelbar in unser Leben eingreifen.

Weil man sich der Politik und ihren Auswirkungen gar nicht mehr entziehen kann?

Genau. Wer glaubt, Politik gehe ihn nichts an, stellt oft erst spät fest, dass sie längst über das eigene Leben entscheidet. Nehmen Sie „Tosca“ von Puccini. Auf den ersten Blick erzählt die Oper die Geschichte einer Künstlerin, die eigentlich nur singen und lieben möchte. Politik spielt für sie zunächst keine Rolle. Doch plötzlich gerät sie mitten hinein. Sie begegnet einem Polizeichef, der Macht missbraucht, ihren Geliebten verfolgt und Gewalt ausübt. Am Ende wird Tosca selbst zur Mörderin und politisch Verfolgten. Das ist zunächst ein packender Thriller. Gleichzeitig erzählt die Oper aber davon, wie schnell ein scheinbar unpolitischer Mensch in politische Verantwortung gerät.

Welche weiteren Werke der kommenden Spielzeit greifen solche Fragen auf?

Da wäre zum Beispiel „La clemenza di Tito“. Für mich enthält diese Oper Mozarts vielleicht schönste Musik überhaupt. Und sie stellt eine hochaktuelle Frage: Kann Macht menschlich ausgeübt werden? Gibt es eine Alternative zum autoritären Herrscher? Gerade heute erleben wir vielerorts, dass autoritäre Systeme wieder an Einfluss gewinnen. Deshalb interessiert mich umso mehr, ob Humanität und Milde tragfähige politische Modelle sein können – oder ob sie zwangsläufig scheitern.

Gleichzeitig gibt es mit „Die Liebe zu den drei Orangen“ von Sergej Prokofjew auch eine ausgesprochen heitere Produktion.

Ja, und gerade deshalb ist sie wichtig. Dieses Stück behauptet im Grunde, dass man nichts allzu ernst nehmen sollte. Es spielt lustvoll mit allen Konventionen und stellt alles auf den Kopf. Wir brauchen in unserem Leben unbedingt auch solche Augenblicke! Und dann steht noch „My Fair Lady“ auf dem Spielplan, eine brillant geschriebene Komödie. Gleichzeitig verhandelt sie Fragen, die bis heute aktuell sind: Wie entstehen gesellschaftliche Klassen? Welche Rolle spielt Sprache für soziale Zugehörigkeit? Und wie sehr bestimmen Herkunft und Bildung darüber, welche Chancen Menschen haben? Das sind hochpolitische Fragen – auch wenn sie in einer sehr unterhaltsamen Form erzählt werden.

Gibt es Produktionen, mit denen Sie besonders jene Menschen erreichen möchten, die bislang wenig oder gar keinen Bezug zum Musiktheater hatten?

Ich glaube, dass sich einige unserer Produktionen besonders gut als Einstieg eignen – allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen. „Wozzeck“, „Der Räuber Hotzenplotz“, „Die Liebe zu den drei Orangen“ oder auch „My Fair Lady“ sind Werke, die Menschen verschiedener Generationen ansprechen können. Aber ganz grundsätzlich sollte niemand das Gefühl haben, einer Oper nicht gewachsen zu sein. Das wäre sehr schade.

Viele Menschen gehen mit einer Art Schulhaltung ins Theater: Sie glauben, alles verstehen zu müssen, um den Abend genießen zu können. Dabei funktioniert Kunst ganz anders. Man darf sich einfach darauf einlassen. Es geht nicht darum, jede Symbolik sofort zu entschlüsseln oder jede Anspielung zu erkennen. Zunächst genügt es, offen zu schauen, zuzuhören und wahrzunehmen. Das Schöne am Musiktheater ist doch gerade, dass jeder Zuschauer etwas Eigenes entdeckt.

Trotzdem möchten wir den Zugang zu den Stücken ganz konkret erleichtern. Vor jeder Oper wird es eine Einführung geben. Ich kann wirklich nur empfehlen, diese halbe Stunde mitzunehmen. Dort erhält man oft genau den Schlüssel, der den Abend erschließt.

Welche Zugänge möchten Sie jenseits der eigentlichen Aufführungen schaffen?

Da werden wir eine Menge machen. Unser neuer Theaterpädagoge Seraphin Feuchte wird verstärkt in Schulen gehen und junge Menschen ansprechen. Umgekehrt wollen wir das Theater aber auch stärker nach außen tragen. Ein neues Format heißt zum Beispiel „MiR bei mir“. Dabei kommen wir zu den Menschen nach Hause. Voraussetzung ist lediglich, dass mindestens zehn Personen eingeladen werden, die bislang noch nie im Musiktheater waren.

Und dann gibt es eine Privatvorstellung?

Wir kommen zu dritt: eine Person aus der Dramaturgie, eine Sängerin oder ein Sänger und eine Pianistin oder ein Pianist. Wir bringen keine fertige Vorstellung mit, sondern möchten mit den Menschen ins Gespräch kommen, Fragen beantworten und Musik unmittelbar erlebbar machen.

Daneben entwickeln wir auch unser bisheriges Format weiter. Aus dem „Premierenfieber“ wird künftig „MiR probt“. Dabei können Interessierte einfach ins Theater kommen und eine laufende Probe besuchen. Man muss sich nicht anmelden, die Türen stehen offen. Ich glaube, viele Menschen verstehen unser Medium viel besser, wenn sie erleben, wie intensiv und sorgfältig an einer Produktion gearbeitet wird.

All das sind ungewöhnliche Ansätze, um auf Ihre Arbeit aufmerksam zu machen. Aufmerksamkeit ist heute ein knappes Gut. Sie konkurrieren permanent mit Streamingdiensten, sozialen Medien und einem nahezu unendlichen digitalen Angebot. Was kann das analoge Erlebnis Musiktheater diesen Entwicklungen entgegensetzen?

Wenn die Menschen im Theater sitzen, zählt der gemeinsame Live-Moment. Genau darin liegt unsere eigentliche Stärke. Menschen möchten Freude und Trauer teilen. Sie möchten gemeinsam erleben, gemeinsam schweigen, gemeinsam fühlen. Solange Menschen dieses Bedürfnis haben, wird das Theater seinen Platz behalten.

Zum Abschluss noch eine etwas folkloristische Frage: Die Farbe Blau prägt in Gelsenkirchen nicht nur das Musiktheater im Revier, sondern natürlich auch den FC Schalke 04. Gibt es aus Ihrer Sicht mehr Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Musiktheater als nur diese Farbe?

Auf jeden Fall. Beides lebt vom Live-Moment. Beides ist Mannschaftssport – oder Mannschaftskunst. Und beides hängt von der Tagesform ab. Es gibt Abende, an denen einfach alles zusammenpasst, und andere, an denen trotz bester Vorbereitung nicht alles gelingt. Außerdem brauchen beide ein Publikum. Ohne Zuschauer entsteht etwas Entscheidendes gar nicht erst. Die Atmosphäre eines Fußballspiels wie auch einer Opernaufführung entwickelt sich immer im Zusammenspiel zwischen Bühne oder Spielfeld und dem Publikum.

Ich freue mich deshalb sehr darauf, auch mit Schalke enger in Kontakt zu kommen. Ich war bereits eingeladen, als sich die Mannschaft ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat, und konnte dort erste Gespräche führen. Wir werden uns jetzt nach und nach kennenlernen. Schalke ist schließlich weit mehr als ein Fußballverein. Der Club übernimmt seit vielen Jahren gesellschaftliche Verantwortung und ist für viele Menschen identitätsstiftend. Und wer weiß: Vielleicht ergibt sich ja sogar eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir künftig gemeinsame Projekte entwickeln.

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